100 Jahre Souveränität: Finnlands Dirigenten als Botschafter einer ganzen Nation

22.07.2017
Dr. Sinikka Salo

 „Wir sind nicht mehr Schweden, wollen aber nicht Russen werden, lass uns Finnen sein.“ Das sind die berühmten Worte, die von Adolf Ivar Arwidsson stammen, einem frühen Vorvater der Bewegung des sogenannten nationalen Erwachens, einer historisch bedingten Bewegung Finnlands. Das war nachdem der staatliche Verbund zu Schweden im Jahr 1809 gebrochen war. Als Folge des verlorenen Krieges mit Russland hatte das Schwedische Reich 1809 seinen östlichen Teil – nämlich Finnland − verloren, und Finnland war zu einem Groß-Fürstentum Russlands geworden.

Finnland ist ein interessantes Beispiel dafür, wie sich ein geografisch peripherer Teil unseres Kontinents und ein Volk, das sich erst im 19. Jahrhundert als solches zu verstehen begann, durch eine Anzahl struktureller Umstände und glücklicher Kettenreaktionen, aber auch durch dramatische Wendungen, zu einem eigenen Land und Staat entwickelt hat. Als die russische Revolution im Frühjahr 1917 ausbrach, war Finnland sowohl politisch als auch ideologisch reif für eine eigene nationale Souveränität, einen Staat, dessen parlamentarische Demokratie sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch in direkter Nachbarschaft der „großen und mächtigen Sowjetunion “ überleben konnte (mehr über Finnlands herausfordernde Momente z.B. in Henrik Meinanders im April 2017 auf Deutsch erschienenem Buch: „Finnlands Geschichte – Linien, Strukturen, Wendepunkte“, Scoventa).

Aber, was macht die Identität von Finnland aus? Was bedeutete und was bedeutet es noch heute, wenn wir den Ausspruch: „lass uns Finnen/ Finnland sein“, näher betrachten? Finnland am nördlichen Rand Europas liegt geografisch nicht günstig an den traditionellen Handelswegen, auch hat Finnland nie durch Feldzüge oder Eroberungen auf sich aufmerksam gemacht.

Finnland ist also nicht durch eine günstige geografische Lage oder durch Expansion entstanden, sondern maßgeblich durch seine Kultur: Durch die Entwicklung seiner Sprachen, seiner Bildungspolitik, der Kunst und seiner Musik. Viele Künstler der Gründerzeit hatten es sich zur Aufgabe und zum Thema gemacht, das ’Finnische’ herauszuarbeiten.

In diesem Zusammenhang ist es natürlich, über „Kalevala“ zu sprechen. Finnlands Mythen sind Lieder, die über Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation weitergegeben wurden, bis Elias Lönnrot sie gesammelt und aufgeschrieben hat. Diese erste schriftliche Fassung des „Kalevala“ wurde 1835 veröffentlicht. Die Gesänge handeln von großen Helden und mutigen Pohjola-Töchtern und auch von „Innovationen (Erfindungen)“ wie dem Sampo, einem Wunder-Gerät, das Reichtum und Fülle mitbringt, von Väinämöinen, dessen Gesang magische Kräfte hat und der aus dem Kieferknochen eines Hechtes die erste Kantele, eine Art Zitter, baute, unser Nationalinstrument. Diese archaischen Mythen und Gesänge prägen die finnische Identität.

Und das Kalevala inspirierte auch Jean Sibelius, viele seiner Werke handeln von den Mythen des „Kalevala“ und von der finnischen Natur – vom Flug der Singschwäne oder vom Frühling über den Seen.

Klassische Musik war neben dem Kalevala-Epos vielleicht das prägendste Element für unsere nationale Identität. Die Herausbildung einer eigenen finnischen kulturellen Identität wurde im Ausland bereits vor der finnischen Selbständigkeit aufmerksam beobachtet. Dabei kam der Musik naturgemäß eine besonders große Rolle zu, weil es hier keine Sprachgrenzen zu überwinden gab.

Schon die erste große Europatournee des ersten finnischen Sinfonieorchesters (Stadtorchester Helsinki, heute Helsinki Philharmonic Orchestra) unter Robert Kajanus im Jahr 1900 war ein großer Erfolg, und das vor dem Hintergrund des um diese Zeit einsetzenden politischen Drucks seitens der russischen Regierung.

Im Vorfeld der Unabhängigkeit, zu Beginn der 20. Jahrhundert, gehörten die komponierenden Dirigenten Robert Kajanus und Jean Sibelius auch der politischen Bewegung der Jungfinnen an, patriotische Kosmopoliten, die resolut in Aktion traten, als im Jahre 1899 der russische Zar mit seinem Februarmanifest die autonome Stellung des Großfürstentums Finnland einzuschränken begann. Sibelius schrieb Protestkompositionen (zum Beispiel den Gesang der Athener und der berühmten Finlandia), und Kajanus nahm diese Werke in sein Programm auf. So waren also zu dieser Zeit viele Sibelius-Aufführungen zugleich demonstrative Akte gegen die Politik der Russifizierung.

Immer wieder ist finnische Musik auch als patriotische Manifestation wahrgenommen geworden: Kurz nachdem die Sowjetunion 1939 Finnland angegriffen hatte und der so genannte Winterkrieg begann, dirigierte Tauno Hannikainen, einer der erfolgreichsten finnischen Dirigenten in den USA, das Boston Symphony Orchestra, und hat viel Sympathien für die „Sache Finnlands“ gewonnen.

Kultur und Bildung sind unsere wichtigste Botschaften und auch die richtigen Waffen. Das Musikleben in Finnland wurde bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts effizient nach deutschem und österreichischem Vorbild organisiert. Die klassische Musikszene mit ihrem dichten Netzwerk an Orchestern und Musikhochschulen sowie der Sibelius-Akademie mit ihrer berühmten Dirigentenklasse stellt noch heute eine wichtige Facette der finnischen Identität dar.

Klassische Musik als unsere Imageträger ist von uns wohl verstanden und weiterhin geschätzt. Es zeigt, wie unsere Beziehungen und Identität sich in enger Wechselwirkung und im Austausch mit den anderen Kulturen im Ostseeraum und in Europa entwickelten. Unsere Dirigenten – von Sibelius und Schnéevoigt bis Salonen und Saraste – waren und sind immer noch Kosmopoliten, wie Sie in Vesa Siréns ausgezeichneten und spannenden Buch „Finnlands Dirigenten – von Sibelius und Schnéevoigt bis Saraste und Salonen (auf Deutsch, Scoventa 2017) lesen können.

Gerade heute, wenn wir so viel Unsicherheit und Probleme weltweit erleben, sollten wir Kultur und kulturelle Kommunikation zwischen Menschen fördern und verteidigen, um unsere freien Werte zu bewahren. Wie Jukka-Pekka Saraste es so gut formuliert hat: „Die kulturelle Kommunikation muss funktionieren. Wenn wir unsere Vorstellung von Europa verteidigen wollen, sind Kunst und Kultur die richtigen Waffen“. Das soll Finnlands – eine Nation, die sich fast ausschließlich durch die Kultur als ein Staat konstituiert hat – aktuelle Botschaft für Europa sein.